Verbandstag 2020

Bericht vom Verbandstag

„Klatschen ist nicht genug“ – Arbeitsbedingungen in der Pflege

Online-Verbandstag der KAB im Bistum Speyer

Zum ersten Mal veranstaltete die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) im Bistum Speyer ihren Verbandstag als reine online-Veranstaltung. Ihn abzusagen, war keine Lösung, so der Diözesanvorsitzende der KAB Kurt Freudenreich, denn die aktuelle politische und gesellschaftliche Diskussion verlangt geradezu einen Beitrag der KAB, die ihren Verbandstag jedes Jahr bewusst in Verbindung mit dem Welttag zur menschenwürdigen Arbeit sieht, der jährlich am 7.Oktober begangen wird.

Eröffnet wurde der Verbandstag mit einem Gottesdienst unter der Leitung des Bundespräses der KAB, Stefan Eirich. In seiner Predigt äußerte er die Sorge, dass nach wie vor viele Beschäftigte insbesondere im Sozial- und Medizinbereich sich in erster Linie mit ihrem wirtschaftlichen Auskommen befassen müssten. Dabei, so Eirich, darf die Sorge um seine Existenz nicht das Leben dominieren. Es braucht den geschützten Freiraum, in dem der Mensch zu sich selber kommen kann. Die als unvermeidlich hinzunehmenden Zwänge des staatlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens dürften für Christinnen und Christen nicht das letzte Wort haben.

Dem Gottesdienst folgte eine Podiumsdiskussion unter der Leitung von Thomas Eschbach, zuständiger Referent für die KAB im Bistum Speyer. Er begrüßte in der Runde neben Stefan Eirich auch Christian Hasse, Einrichtungsleiter des Caritas Altenzentrums in Limburgerhof sowie den Betriebsratsvorsitzenden des Westpfalzklinikums in Kaiserslautern Leo Alves und dessen Betriebsratskollegen Harald Ledig.

Was bestimmt momentan die Lage in der Pflege?

Die Herausforderungen für Bewohner der Heime wie auch für die Beschäftigten sind in der Corona-Zeit enorm, darin waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig. Die drohende zweite Welle macht allergrößte Sorgen. Probleme, die vorher schon da waren, wie der Personalmangel, wurden durch Corona noch verschärft. Die Anforderungen an das Personal sind in dieser Zeit noch mehr gestiegen und damit auch die psychische Belastung, berichtete Leo Alves, und dabei geht es den Beschäftigten sowohl  die Sorge um das Wohl der Patienten also auch um die eigene Gesundheit und die der eigenen Angehörigen. Harald Ledig ergänzt: „Der Pflegealltag ist Arbeit am Menschen und der ist momentan nicht gerade einfach. Wir Betriebsräte haben hier viel Gesprächsbedarf.“

Was muss sich ändern?

Es geht nicht unbedingt und nicht nur um bessere Bezahlung. Es gilt die Bedingungen der Pflege zu verbessern. Dazu gehören Bedingungen, die es ermöglichen dem eigenen Ideal an Pflege gerecht werden. „Pflege nach Stopp-Uhr“ daran leiden viele Beschäftigte. Der Bundespräses Eirich formulierte es so: „Nur wer selber als Mitarbeiterin und Mitarbeiter Würde erfährt, kann am Patienten Würde vermitteln“.

Für Christian Hassa ist das Thema Führung mitentscheidend. Die Grundhaltungen der Führung wirken auch in der Pflege weiter. Hiervon hängt auch der Erfolg eines Unternehmens ab. Diesen Teil können die Unternehmen und Einrichtungen selbst bestimmen. Weit schwieriger gestalten sich Strukturveränderungen, die in den letzten Jahren leider nur in Millimeterschritten vorangekommen sind. Es braucht dringend neue Rahmenbedingungen, so Hassa. Ein Beispiel hierfür ist die schnellere Anerkennungen von ausländischen Pflegekräften in Deutschland. Angesichts der Personalknappheit kann es nicht sein, dass dieses Verfahren bis zu einem Jahr dauert.

Für die Betriebsräte haben viele Aktionen der Politik viel mit Symbolpolitik zu tun. Es geht mehr darum den Eindruck zu erweckt „wir machen doch was“, als tatsächlich und substantiell Prozesse anzugehen, die Wege aus der Krise zeigen, wie z.B. in den Bereichen: Personalmangel, Abbau von Bürokratie, bessere Anreizsystem für Berufseinsteiger, Antworten auf die hohe Fluktuation aus der Pflege, uvm..

Ändern muss sich auch der Blick auf den gesamten Sektor „Pflege“. In den nächsten zehn Jahren wird sich die Zahl der pflegebedürftigen Personen verdoppeln. Wir als Gesellschaft müssen die Frage beantworten: Was sind wir bereit für Pflege zu bezahlen? Was ist uns Pflege von Menschen wert?

Wünsche für eine bessere Zukunft

Ledig und Alves fordern mehr Wertschätzung der Arbeit der Pflegekräfte auch im Gesamtspektrum der anderen Gesundheitsberufe. Pflege ist nicht nur Waschen und damit eine Tätigkeit, die Jede und Jeder kann. Pflege wird überwiegend von Frauen geleistet. Stafan Eirich sieht in der Diskussion um Pflege ist auch eine Geschlechterfrage und eine Anfrage an die überkommenen Rollenbilder. Nach seiner Meinung müssen starre Rollenverfestigungen aufgebrochen werden. Des Weiteren muss eine bessere Bezahlung für Beschäftigte in der Pflege erfolgen.

Christian Hassa fordert einen anderen Blickwinkel ein, der da heißt: Systemrelevant zu sein heißt nicht: was wird es kosten, sondern welche Ressourcen müssten geschaffen werden, damit die Systemrelevanz gelebt werden kann.
Darin sind sich alle einig: Pflege ist nicht nur ein Kostenfaktor und darf auch nicht nur so betrachtet werden. Pflege ist auch ein Wirtschaftsfaktor für die Region in der sie geleistet wird. Aber Pflege ist weit mehr als Betriebswirtschaft. Von daher müssen politische Entscheidungsträger nicht nur Kosten diskutieren, sondern einen substantiellen Diskurs um Lösungen führen, die den Alltag der Pflegebedürftigen und der Pflegenden zum Mittelpunkt haben.

 

 

Predigt von Stefan Eirich

Diözesanverbandstag Speyer – Maikammer 18.10.2020

Einleitung

Warum war das frühe Christentum in seiner Mission so erfolgreich? Expert*innen bringen es mit einem einzigen Begriff auf den Punkt. Es bot Anerkennung. Gemeint ist: Jeder Glaubende, jede Glaubende, egal woher und ohne Ansehen der Person: ihm wird Anerkennung geschenkt – nicht nur von Gott, weil er vor ihm viel wert ist, sondern auch unter den Glaubenden, weil sie mit dieser unterschiedslosen Anerkennung auch einander begegnen. So jedenfalls das Ideal – und das eigentliche Markenzeichen des Christentums seit Anfang an. Einander Anerkennung schenken.

Predigt

Es gibt Situationen, da habe ich von vornherein ein mulmiges Gefühl, denn ich ahne, am Ende werde ich in jedem Fall als Verlierer dastehen. Deshalb kann ich bestens mit dem Schwiegersohn mitfühlen, von dem der Wiener Autor Friedrich Torberg in einer kurzen Anekdote erzählt. Diese geht so: Die Schwiegermutter schenkt ihrem Schwiegersohn am Weihnachtsabend zwei ausgesucht schöne Krawatten, die sie unter den Baum gelegt hat. Als das junge Ehepaar am folgenden Abend zu ihr kommt, versteht es sich für den Schwiegersohn von selbst, eine der beiden Krawatten anzulegen. Schon in der Türe fasst ihn die Schenkerin missbilligend ins Auge: Ach‚ sagte sie: Die andere hat Dir nicht gefallen!?(Nach Friedrich Torberg: Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten) In der Sprache des eben gehörten Evangeliums war dies eine Falle, wenn auch eine weit harmlosere als die, mit der es Jesus zu tun bekommen hat. In beiden Fällen geht es um die Prägung der Beteiligten und ihrer Beziehungen untereinander.

Die Pharisäer wollten Jesus in eine perfekte Falle locken. Sie umgarnen ihn mit zunächst mit Komplimenten, damit er unvorsichtig wird und etwas sagt, was sich gegen ihn verwenden lässt: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen?“ Antwortet Jesus darauf mit Nein - dann ist er ein Revolutionär und es kann ihm an den Kragen gehen. Antwortet er dagegen mit Ja, dann knickt der scheinbar so Geradlinige, der in seinen Entscheidungen auf niemand Rücksicht nimmt, am Ende doch ein. Jesus aber findet eine geniale Strategie. Er fragt nach der Prägung. Zunächst in direktem Sinn. Es geht um das Prägebild auf der Münze, um das Bild des Kaisers. Als herrschende Macht gab er vor, in welchem Geldsystem gedacht werden musste. Er allein hatte das Münzrecht – zumindest für die großen Münzen, nach denen umgerechnet wurde. Und diese Münzen waren zugleich das größte Propaganda-Mittel: In einer Zeit ohne Social-Media und Fernsehen war auf den Münzen das Entscheidende zu sehen: Der Kopf des Herrschers und seine Programmworte. Bei jedem Kauf sollte man vor Augen haben: Das ist der Kaiser, der Herrscher deines Landes. Von ihm kommen die Devisen. Ihm verdankst du ein wirtschaftliches und politisch stabiles Umfeld.

Wenn Jesus im heutigen Evangelium zu den Pharisäern sagt: Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt!, dann reagiert er sehr klug. Er lässt die Pharisäer die Münze aus ihrer Tasche holen, mit der sie ihre Steuern bezahlen. Mir scheint, Jesus will zeigen: In Diskussionen kann ich viel behaupten, kann ich meine Meinung gut ins rechte Licht setzen und verteidigen. Aber was mich im Innersten prägt, das muss nicht unbedingt in Worten zum Ausdruck kommen. Was mich prägt, das ist das, was ich mit mir herumtrage. Was ich griffbereit anderen zeigen kann. Jesus sagt den Pharisäern: Das ist es, worauf ihr täglich schaut. Euch seht täglich das Bild des Kaisers Tiberius vor Augen, der sich auf der Münze „Sohn des Gottes Augustus“ nennt. Wer den Kaiser ständig mit sich herumträgt, wer das römische System im Kopf hat, der soll dem Kaiser auch geben und schön nach Rom abführen, was von dort kommt und womit er sich selbst infiziert hat: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!

Die Reaktion Jesu gibt mir zu denken. Zurecht weist er darauf hin, dass ein Gesellschaftssystem die Menschen, die in und mit ihm leben, durch und durch prägen kann. Dies geschieht z.B. dann, wenn ich tendenziell auf der Schattenseite dieses Systems mein Dasein friste, obwohl ich Großartiges für andere leiste als Pflegekraft im Gesundheitsbereich, in der Geriatrie oder sonst einer Betreuungseinrichtung. Solange ich nicht ausreichend verdiene, werde ich ständig auf der Ebene dessen existieren, „was des Kaisers“ ist. Höheres ist einfach nicht drin. Ich habe hierbei meine beiden Schwestern vor Augen: die jüngere von beiden ist als Kindererzieherin tätig, die ältere war knapp zwei Jahrzehnte als Krankenschwester tätig. Sie haben ihre Berufe als Berufung verstanden. Geprägt hat sie aber auch die Frage, wie sie monatlich halbwegs passabel mit ihren Finanzen über die Runden kommen.

Mich treibt um, dass nach wie vor viele Beschäftigte insbesondere im Sozial- und Medizinbereich sich in erster Linie mit ihrem wirtschaftlichen Auskommen befassen müssen. Dabei gilt Jesu Aufforderung, Gott zu geben, was auf ihn ausgerichtet ist, jedem Menschen. Jedem und Jeder gilt, dass er sich nicht völlig vereinnahmen lassen darf von der Sorge um seine Existenz. Jeder und Jede sollte die Möglichkeit haben, sich von der Lebenshaltung Jesu, von seinen Worten, von seinen Gedanken, von seinen Ideen prägen lassen zu können. Selbst die als unvermeidlich hinzunehmenden Zwänge des staatlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens dürfen für Christinnen und Christen nicht das letzte Wort haben. Nur so entsteht, nur so bleibt jener Freiraum geschützt, in dem der Mensch zu sich selber kommen kann und sich Gott verdanken lernt, dem Schöpfer und Erhalter des Lebens. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gott gehört.“ Es geht also, so pathetisch dies auch klingen mag, bei der Forderung nach besserer Bezahlung immer auch um die Gottbezogenheit des Menschen, die geschützt werden muss vor Übergriffen der staatlichen, politischen Macht – um der Freiheit des Menschen willen. Kurzum: Jesus lädt uns ein, unsere recht verstandene Autonomie zurückzugewinnen, wenn wir bei allem darauf bedacht bleiben, Gott zu geben, was Gott gehört. Hierfür können Applaus und Schokolade nicht genug sein.

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