28.12.2020

Weihnachten 2020

Der neue Impfstoff, der Retter, ist da. Der neue Impfstoff, der Retter, ist da. Liebe Mitchristen. Das ist doch das, was wir Menschen jetzt brauchen. Klar, es dauert noch ein wenig, bis alle davon überzeugt sind. Aber es bleibt dabei: Der neue Impfstoff, der Retter, ist da.

Ähnliches haben Sie vielleicht schon zuhause gesungen, liebe Mitchristen. Nur lautet der Text da ein wenig anders: Die zweite Strophe von Stille Nacht, heilige Nacht, endet so ähnlich. Da heißt es: Christ, der Retter ist da; Christ, der Retter ist da.
Alles gut und schön. Im Moment, in diesem Jahr brauchen wir den Impfstoff. Zweifellos. Er wird viele Menschenleben retten, die sonst womöglich viel zu leiden hätten. Es ist schon eine große Leistung, dass das so schnell ging mit dem Impfstoff. Der Retter ist da.
Es scheint endlich Schluss mit der Zeit, wo man nicht wusste, woran man war. Hab ich´s jetzt, hat´s der andere, der mir auf der Straße, im Geschäft begegnet? Wie lange muss ich noch zuhause rumsitzen, vielleicht ganz allein oder dem immer gleichen Menschen? Wie viele Ängste muss ich noch ausstehen? Wann können wir endlich wieder feiern, wie wir das gewohnt waren. Zu viel davon ist im letzten Jahr ausgefallen. O diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit, diese Einsamkeit, diese Ungewissheit, lange halt ich das nicht mehr aus. Da hat man eine Zeitlang geglaubt, es wird besser, dann wieder so was wie jetzt. Als zweitletztes setzen die Kirchen bald ihre Veranstaltungen, sprich Gottesdienste ab.
Ziel des Ganzen: Es soll alles wieder werden wie vorher. Was hatten wir da im Vergleich zu heute ein unbeschwertes Leben. Da müssen wir wieder hin. Aus vollen Herzen sollen wir nächstes Jahr wieder singen können: Christ, der Retter ist da.
Aber wollen wir wirklich einfach so: dahin, wo wir waren? Wollen wir das? Ich glaube, wir werden es gar nicht können. Die ganze Sache dauert jetzt einfach schon zu lange, als dass wir einfach so zurückkönnten. Uns wird die monatelange Erfahrung bleiben, wie armselig wir Menschen werden können. Dazu genügt schon ein kleiner für uns unsichtbarer Virus, und wir werden hilfloser wie ein kleines Kind. Selbst wir hier in Duetschland, einem der hoch entwickelsten Länder dieser Erde. Wir kannten sie kaum noch, diese Armseligkeit, es ging immer aufwärts die letzten siebzig Jahre. Für die große Mehrheit der Menschheit ist sie stattdessen auch heute ein ständiger Begleiter. Und uns, ehrlich gesagt, doch auch immer mal wieder: Eine schwere Krankheit, Arbeitslosigkeit, der Verlust eines lieben Menschen, da läuft etwas total schief mit einem oder mehreren seelisch Verletzten. Wie armselig kannst du auch ohne Corona bei uns werden.
Wie die Hirten im Weihnachtsevangelium. Sie waren nicht nur berufsmäßig draußen auf dem Feld, auch sonst waren sie ausgeschlossen. Der Abschaum der damaligen Gesellschaft. Man hatte es ihnen oft genug gesagt, dass sie armselig seien, in den Augen der Menschen, aber auch in den Augen Gottes. Genauso wie den Zöllnern und Dirnen und Blinden und Bettlern. Allen blieb eines Tages fast nichts anderes übrig, als dies zu glauben: Wir sind zu armselig für unsere Mitmenschen und für Gott. Das geht irgendwann an das Selbstwertgefühl, an die Würde eines Menschen. Das macht ihn angeschlagen. Manche werden tatsächlich aggressiv und schlagen zurück.
Es sei denn, es kommt einer, der ihnen ihre Würde zurückgibt, so armselig sie äußerlich oder in den Augen der Menschen auch sein mögen. Sie verstehen etwas von Rettung, wie die Engel sie im WE ihnen zusprechen. Euch ist der Retter geboren. Die Engel gehen nicht zu Kaiser Augustus oder den sogenannten Besseren im Lande. Sie würden von dieser Botschaft der Rettung gar nichts verstehen. Später wird der erwachsene Jesus angesichts seiner Zuwendung zu den Zöllern und Sündern sagen: Ich bin gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren war. Dazu bin ich gekommen. Damals nach Bethlehem. Wie drückt Dietrich Bonhoeffer es aus: »Wo die Menschen sagen »verloren«, da sagt er »gefunden«. Wo die Menschen sagen »gerichtet«, da sagt er »gerettet«. Wo die Menschen sagen: Nein!, da sagt er: Ja! Wo die Menschen ihren Blick gleichgültig oder hochmütig wegwenden, da ist sein Blick von einer Glut der Liebe wie nirgends sonst. Wo die Menschen sagen: »verächtlich«, da ruft Gott: »selig«. Wo wir an einen Punkt in unserem Leben geraten sind , dass wir uns nur noch vor uns selbst und vor Gott schämen; wo wir meinen, Gott selbst müsse sich jetzt unserer schämen; wo wir uns Gott so fern fühlen wie irgend je im Leben, da gerade ist Gott uns so nah wie nie zuvor…«
Vielleicht ist das etwas, was wir in diesen Tagen besonders brauchen, die Botschaft: Unsere Armseligkeit und Hilflosigkeit nehmen uns nicht unseren Wert und unsere Würde. Vor Gott verlieren wir die nie. Gleichgültig, was Menschen und Umstände mit und aus uns machen. Möge uns dies Kraft geben durchzuhalten, auszuhalten. Möge dies uns die Kraft geben, menschlich zu bleiben und immer mehr zu werden. Wer um die seine eigene Armseligkeit weiß, kann viel besser mit der der anderen umgehen. Die Armseligkeit von uns Menschen hat Jesus auf diese Erde gezogen, um uns neu an unsere Würde zu erinnern und sie uns von Gott her zuzusagen. Ich staune immer wieder, wie Arme dieser Welt noch lachen können. Vielleicht auch deshalb, weil sie das Wissen um ihren Wert und ihre Würde vor Gott nicht verloren haben, die er ihnen schenkt und lässt bis in seine Ewigkeit. Christ, der Retter ist da!



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